Was machen eigentlich die grossen Schweizer Medienportale in Sachen Euro? Wenig bis gar nix, viel PR und weitgehend infantile Wettbewerbli – zeigt ein kleiner Rundgang.

Wenn die NZZ titeltUefa im Kontrollrausch„, dann ist das doch bemerkenswert. Immerhin ist die Uefa nicht niemand und die NZZ ein Weltblatt. Die Schlagzeile „UBS im Bonusrausch“ wäre aber nicht denkbar. Das sähe Herr Kurer und seine Zünftler gar nicht gern. Dem Sepp kanns aber wurscht sein, weil die Abwicklung der Party eh nur noch Routine ist. Und schliesslich gibt sich und hat auch die alte Tante ein wenig Mühe, die Euro einigermassen intelligent in Szene zu setzen. In einem reichlich infantilen Psychotest können Fussballdummies rausfinden, welche Mannschaft gefühlt am besten zum eigenen Karma passt. Supi, hey. Und in einer Art Börsenspiel kann man mit virtuellen Aktien von Fussballmannschaften dealen und dabei einen Swiss Flug oder einen iPod (was für ein ausgefallener Preis) gewinnen. Der Hammerslogan dazu: „Handeln Sie mit Ihren Erwartungen und gewinnen Sie attraktive Preise“. Liebe NZZ, das ist saurer Wein in rostigen Schläuchen.

Der nächste Zürcher Platzhirsch, TA Online, hat sein Euro Special immer noch sehr professionell versteckt. Nicht auf der Hauptseite, nicht in der Navi, man muss es suchen – hinten im Sportteil inmitten vom ganzen restlichen Sportwust. Obwohl es in diesem Special eigentlich brandheisse Hintergrundstorys gäbe, z.B. zu den Einsätzen von „deutschen Polizisten im Schweizer Nahkampf“. Erstaunlich auch, dass in diesem Euro Spezial die Topstory ganz oben vom 8. Mai stammt und damit schon ganze 12 Tage alt ist.

Man verlässt sich wohl im Hause TA eurotechnisch ganz auf das Newsnetzwerk Facts 2.0, wo man das Fussballdings mit allerlei Geschichten begleitet und sich mit dem Spreeblickblogger Malte Welding einen deutschen A-Blogger als Kolumnist geangelt hat. Komisch nur, dass auch diese gut gemachten Aktivitäten drüben bei TA Online konsequent verschwiegen werden. Auffallend auch: Reaktionen (Kommentare) auf die hübsch markierten Eurostorys bleiben bei FACTS 2.0 weitgehend aus.

Sehr traurig siehts bei Espace.ch aus, dem Gemischtwarenladen Onlineportal von Berner Zeitung, Bund, Thuner Tagblatt, Berner Oberländer, Berner Bär, Solothurner Tagblatt, Solothurner Woche, Capital FM, Canal 3 und Telebärn – alles zusammen monopolisiert erscheint bei Espace Media, einer Tochter von TA Media übrigens. Die haben auf ihrer gigantischen Web 0.9-Seite natürlich auch ein Euro Special, das erstens blinkt wie wild und zweitens noch nicht fertig programmiert zu sein scheint. Die Topstory hier hat extrem viel Lokalkolorit: „Ittigen kickt sich Euro-fit“ lautet die Schlagzeile zu einer hochbrisanten Hintergrundgeschichte über die örtliche 1.-August-Kommission, die sich in orangen T-Shirts an einem Töggelikastenturnier „zum Sieg spielte“. Beides, mit Verlaub, sind sehr gelungene Formulierungen für echte Dumpfbacken von nah und fern.

Viel Mühe gibt man sich dagegen bei 20min, ebenfalls ein TA-Media-Produkt. Das Eurodings ist auf der Hauptseite prominent verlinkt und dort finden wir ein vielgestaltiges und gut gepflegtes Angebot. Natürlich mit so klassischen Nullaussagen in den Schlagzeilen wie „Es kann wunderbar werden oder früh vorbei sein“. Herrlich. Sogar eine Rubrik „Neben dem Platz“ gibts hier. Topstory heute: EVP will mehr Geld von der Euro. Top Idee, oder? Neben dem übersichtlichen und umfassenden Angebot besticht hier die angenehme Zurückhaltung mit all zu viel dümmlichen Quizfragen.

Bei Blick Online, dem Boulevardsaurier aus dem Hause Ringier, lässt man sich hingegen nicht lumpen. Ist der ganze Multimediaflashvideoblinkiblinkizirkus erst mal geladen, hechel, gehts hier voll Rohr los. Die Euroseite ist mit Wettbewerben und PR-Storys dermassen zugepflastert überladen, dass der ganzen Sache die jounalistische Glaubwürdigkeit etwas abhanden kommt. Die UBS Arena hat man hier sogar mit einem eigenen Navipunkt bedacht, News gibts dort selbstredend nicht, dafür aber noch mehr Wettbewerbe. Beim Blick folgt man am konsequentesten dem eigentlichen Uefabusinessmodell und rollt eine grösstmögliche Businesslawine auf allen Kanälen aus. Wir würden hier von Züri Höngg aus mal kühn behaupten, dass sie beim Blick mit den vielen infantilen Gewinnspielchen leicht übers Ziel hinaus schiessen und normal intelligente Leute extrem nerven.

heute online (Ringier) hat noch gar nicht gross Lust gehabt, das Fussballdings zu fiitschern. Genau genommen könnte man sagen, dass heute bis heute die Euro 08 quasi totschweigt. Das Fachportal für unterbelichtete unterbeschäftigte Ausgehkids (oversexed and underfucked) beschränkt sich zumindest heute auf den Marschbefehl von Verteidigungsminister Sämi Schmid, einer Veranstaltung, an der die Schweizer Kicker ihr schlecht sitzenden Designeranzüge erstmals ausführen durften. Nicht gerade der Brüller, diese Meldung. Trotzdem steht sie auch auf der Sportseite zuoberst und ist dort die einzige Euromeldung bis weit unten in der Seite, wo eine vier Tage alte Meldung zur Einschränkung des Flugverkehrs über den Stadien vor sich hindöst. – Gut, die machen ja ihren Laden bald dicht (und werden zum Blick am Abend) und haben vermutlich deswegen das Fussballdings gar nicht erst angeschoben. Würden wir hier auch so machen.

Fazit: Die mediale Aufbereitung der Euro ist mangels allgemeiner Begeisterung bisher weitgehend gescheitert. Nirgends will richtig gute Laune aufkommen, es dominieren Pflichtstoff und Marketinggetöse, wie selbst Spiegel Online konsterniert feststellt. Die Uefa bastelt an div. Imagebaustellen (Tarife bei Public Viewings, Dresscodes, Masern, etcpp.) und das ganze riesige Supermegagigaevent will einfach nicht so recht ins Umfeld der Supermegaerdbeben und dem Supermegacampinggroove im Irrawaddydelta und den Supermeganahrungsmittelkrisen und dem supermegarassistischen Aufstand in Joburg (WM 2010) passen. Finden wir hier in Züri Höngg.

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