Frau Seitenlinie, unsere Sonderkorrespondentin aus einer betulichen Schweizer Kleinstadt (man möchte sagen „Grossdorf“), betreibt ein Kleingewerbe mit Kundentraffic inmitten der dort heranziehenden Public Viewing Zone. Das ist hartes Brot.

Von den grossen und offiziösen Fanzonen in den Grossstädten hört man ja die unglaublichsten Geschichten. Aber auch in den kleinen Städten und in Dörfern spukt es laut und deutlich. Lokalpolitiker sind von dem Megafussballdings ziemlich angetörnt und stampfen Veranstaltungen aus dem Boden, die es vorher nicht mal zum 500jährigen Jubiläum der Dorfkirche gegeben hatte.

Auch auf dem Dorf wird locker in Kauf genommen, dass da der eine oder andere Betroffene vom herbeigezauberten „öffentlichen Interesse“ stillschweigend überrollt wird. Was den Kneipier neben der Videowand in pure Entzückung versetzt, mag vielen anderen Gewerblern nicht so recht gefallen.

Genau eine solche Gewerbetreibende ist unsere verehrte Frau Seitenlinie. Sie berichtet hier exklusiv und subjektiv aus den dilletantischen Untiefen einer Public Viewing Zone in der tiefen Schweizer Provinz. Hier der erste Teil dieser Serie, Updates folgen permanently.

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Wer weiss, vielleicht gehören Sie zu jenen Glücklichen, die kürzlich in der Einkaufsstrasse einer Public-Viewing Zone zu Blümchen kamen. Genauer gesagt: gelben Tulpen. Damit hat man Ihnen zeigen wollen, wie sehr Sie als Besucher und Kunde des Ortes geschätzt werden, wie wichtig Sie der aufstrebenden Kleinstadt sind. Was man Ihnen genau erzählt hat beim In-die-Hand-drücken dieser hübschen Pflanzen, weiss ich leider nicht – ich habe die Strassenseite gewechselt und bin dieser PR-Aktion ausgewichen.

Während Sie nämlich unter Umständen hoch erfreut ein Blümchen mit nach Hause getragen haben („so wichtig bin ich denen“), gehöre ich zu jenen, die im Juni ganz dicht dabei sind. Nicht mitten drin, sondern geradewegs an der Seitenlinie. Sprich: in unmittelbarer Nähe der Public-Viewing-Zone. Und dort gibt’s keine Blümchen zu verteilen. Lange Zeit nicht einmal Informationen. Und schon gar kein Dankeschön-dass-Sie-diesen-ganzen-Rummel-klaglos-aushalten. Im Gegenteil.

Die irgendwann doch noch als Informationsabend angekündigte Veranstaltung erwies sich als gut 45-minütiges Werbe-Event (grauseliges Wort, nicht wahr?) erster Güte, inklusive obligater Power-Point-Präsentation mit bunten Bildchen und hübschen Schlagworten. Das Verkehrskonzept, das eigentlich nicht wirklich eins ist, wurde in fünf Minuten vorgestellt. Wobei vorgestellt das falsche Wort ist, denn wo es nichts vorzustellen gibt, kann man auch nichts vorstellen. Das Sicherheitskonzept der Marke „Hoffnung“ erwähnen wir hier gar nicht erst. Dafür wurden kritische Fragesteller schon mal mit einer ziemlichen Arroganz abgekanzelt („Lärm ist eine Einstellungssache“ / „Seid nicht so pessimistisch“). Und falls Sie gerade fragen wollten: Nein, auf den Tischen standen keine Blümchen.

Vielleicht sollte man die lokalen Organisatoren, zu denen eine Marketingfirma gehört, einmal in einen Marketing-Kurs schicken. Dort würden Sie mit etwas Glück lernen, wie man mit Kunden umgeht. Auch wenn es nur Zwangskunden sind, die sich dem Rummel Euro 2008 nicht entziehen können. Zugegeben, keine einfache Klientel. Aber unter Umständen wären sie schon glücklich, wenn einmal jemand „Danke“ sagen würde. Es müssten nicht einmal Blümchen sein.

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